"Ein Sommer
im Norden"
.................“ Auweia,.... Fredl, g`schwind,
den Biwaksack raus....!“ rief ich – zu spät ! Ein
paar Minuten später lief uns das Wasser wieder aus den Schuhen.
Fast hätten wir es geschafft, einmal trocken ins Zelt zu kommen.
Fredl und ich blickten uns an... und brachen in schallendes Gelächter aus!
Da hilft nur Galgenhumor... Am nächsten Marschtag rückte der
Paß schön langsam in unser Blickfeld. Der Weg rauf schien nicht unmöglich,
von den Felsfluchten, welche die Scharte flankierten, schimmerte es weiß...Neuschnee.
„Hoffentlich hat es nicht bis zur Passhöhe runtergeschneit! „ sagte
ich zu Fredl, der ebenfalls ein wenig skeptisch nach oben blickte. Wir frühstückten
zuerst einmal ordentlich und machten uns dann bereit. Das der Muskwa ein Gletscherfluß ist
merkten wir nach dem Zähneputzen: winzige Steinchen knirschten für
ein paar Stunden schaurig im Gebiß. Gletscherschliff. Der Weg zum Paß begann
recht gemütlich, wurde aber dann bald steil und schlüpfrig. Ziemlich
schweigsam plagten wir uns nach oben, ich schleppte das zusammengelegte Boot
mit allem drum und dran und meine persönliche Ausrüstung , auf Fredl´s
Schultern tanzte ein Rucksack der die Verpflegung für 3 Wochen fasste.....40
Kilo pro Person! Jeder Schritt aufwärts die einbeinige Kniebeuge eines
115 kg schweren Mannes...! Aber das Wetter hielt sich prächtig, nachdem
die morgentlichen Nebelschwaden abgezogen waren kam auf der Passhöhe sogar
ein wenig die Sonne raus.
Auf dem höchsten Punkt der Scharte trafen wir auf zwei verschreckte Karibus
( wilde Rentiere ). Wir werteten diese Begegnung als gutes Zeichen. Sollten die
Tiere von der anderen Seite gekommen sein, musste es einen Weg geben.Weit
blickten wir jetzt in das dicht bewaldete Tal des Tuchodi – River hinein,
deutlich konnte man das Silberband des Flusses erkennen, auf dem wir Richtung
Osten zum Alaska – Highway raften wollten.
Der Haken an der Sache lag allerdings näher als der Fluß selbst,
nämlich der Abstieg über die Passhöhe. Bald stellten Alfred und
ich fest, dass der Weg hinunter sehr kurz und dementsprechend steil war ( die
Karibus waren wohl nur auf einen kurzen Ausflug vom Muskwatal aus in die Berge
gegangen ).
Es schien aussichtslos, mit unseren mächtigen Rucksäcken diese Wand
runterzukommen.
Ich legte meine riesige Last in den Schutt und machte mich erst einmal auf eine
Erkundungstour auf. Schon nach zehn Minuten war ich zurück.
Nichts zu machen, keine Chance...Tiefe überall.
Als winziges Nadelöhr bot sich eine steile, brüchige Rinne an, vielleicht
fünfzig Meter hoch, ziemlich steil, gesäumt mit losem Gestein...der Bruchhaufen
schlechthin.
Da runter... ? Ich zog Fredl, den Freund und Leidensgenossen, ins Vertrauen.
Wie schon so oft hörte ich den bekannten Ausspruch „ Na jo, hüft
jo eh nix...! “
Das ist Alfred, unerschrocken und sarkastisch auch in unseligen Zeiten wie diesen!
Also los, der Versuch ist`s wert ! Die ersten paar hundert Meter gingen durch
feinkörniges Geröll unproblematisch dahin, dann allerdings wurde der
( gedachte ) Pfad zusehends steiler und nach ein paar weiteren Metern fast bösartig
ausgesetzt.
Fredl eröffnete die Route ( wir waren uns der Erstbegehung sicher ) mit
grimmiger Entschlossenheit. Schritt für Schritt kletterte er nach unten,
nicht selten brach ein Griff aus, doch irgendwie schaffte mein wackerer Begleiter
aus den steirischen Bergen das Husarenstück. Er hatte es geschafft, nicht
ohne Neid starrte ich zu ihm runter.
Ewigkeiten von mir entfernt. Ziemlich blaß drehte er sich zuerst einmal
eine Zigarette bevor er zu mir raufbaffte „ s`is gar nit so wild...!“ Jetzt
war ich an der Reihe.
Ich befürchtete schon nach den ersten paar Passagen, vom Rucksack
in die Tiefe gerissen zu werden, der Zug auf meine Schultern war mörderisch.
„Wer trägt schon ein Schlauchboot über die Berge ...?" dachte
ich wehleidig, aber jetzt war ich schon unterwegs. „Hüft jo eh nix...“ fiel
mir noch ein.
Fredl gab mir von unten Tipps, wie man die Sache am elegantesten angeht...er
hatte die Tour ja schon hinter sich. Man glaubt ja gar nicht, wie endlos lang
eine einzige Seillänge, ungesichert in einem anspruchsvollem Gelände
geklettert, sein kann !
Immer wieder dachte ich “Oije, das geht schief, jetzt geht es bergab...!“
Aber immer wieder fand sich ein mehr oder weniger brauchbarer Fels, an dem man
sich festhalten konnte. „Langsam, langsam fang den Affen....! “ wie
die Inder sagen...
Schritt für Schritt kam ich schließlich an den Wandfuß wo mich
Fredl schon erwartete.
Auch Nichtrauchern schadet in so einer kritischen Situation eine ehrlich Gedrehte
nicht...! Der steile Abstieg zu dem kleinen Karsee, aus dem der Tuchodi entspringt,
war im Vergleich zu der vorangegangenen Turnerei ein Spaziergang.
Zur Feier des Tages gab es ein tolles Abendessen: aus der Heimat mitgebrachte
Laibchen, wahre Kalorienbomben, wie der Koch, der sie mir schenkte, versichert
hatte.
Die Nachtruhe war vom Feinsten, obwohl wir im Bärenland campten hätten
uns wohl auch mehrere der Burschen nicht aus dem Schlafsack bekommen.
Die nächsten Tage brachten dann wiederum die schon bekannte (und befürchtete)
Quälerei durch das mannshohe Gebüsch, das die Oberläufe
der nordischen Flüsse säumt.
Hin- und wieder war es wirklich schlimm: wohin man auch steigt, gleitet man entweder
ab oder aber man stolpert über dünne Äste, die man am ehesten
mit Schlingpflanzen vergleichen kann. Von Marschleistung ist in so einem Gelände
kaum zu reden, obwohl man rackert wie ein Ackergaul. Dann erreichten wir schließlich
den Tuchodi.
Das Bächlein war allerdings weit davon entfernt unser Kanu tragen zu können,
viel zu wenig Wasser floß durch das schmale Bett. Die schon befürchtete
Prozedur des Treidelns begann. Das hieß wieder den ganzen Tag bis zu den
Hüften im eiskalten Wasser herumstapfen, klatschnass bis auf die Knochen...
Wenigstens brauchten wir unser Gepäck jetzt nicht mehr tragen, es war sicher
im Boot verstaut, mit soliden Stricken gesichert.
Doch mit jedem Rinnsal, das in den Tuchodi floß, schwoll der Fluß an,
wurde er breiter, tosender, wilder....Schon bald probierten Fredl und ich einmal
in unserem Schifflein Platz zu nehmen, allerdings saßen wir bald auf Grund.
Noch war der Tuchodi zu seicht.
Doch auch das sollte sich bald ändern, schon nach einigen Tagen trug uns
unser Schlauchboot auf den immer wuchtigeren Wellen des Tuchodi.
Jetzt konnte der große Spaß losgehen !
In immer tosenderes Wildwasser wagten wir uns, das Kanu hatten wir gut im Griff,
den ganzen Frühling über hatten wir trainiert... auf dem Stubenbergsee
genauso wie auf der obersteirischen Salza.... das machte sich jetzt bezahlt.
Trotzdem gab es einige spannende Zwischenfälle.
So kamen wir nach ein paar Paddeltagen plötzlich und unerwartet zu einem
mächtigen Wasserfall. Wohl an die zehn Meter stürzte das schäumende
Wasser des Tuchodi über eine senkrechte Felswand. Niemand hatte uns davor
gewarnt.....unbekanntes Land.
Einmal, auf einer flachen Lagune, die der Fluß durchströmte, schmiss
uns eine Windböe einfach um und wir landeten kopfüber im Wasser. Dann
preschten eines Tages zwei riesige Elche knapp vor unserem Bug durch den aufschäumenden
Tuchodi, uns blieb fast das Herz stehen...verfrühte Brunft? Ein andermal
wieder krachten wir in voller Fahrt in eine umgestürzte Fichte, die das
komplette Bachbett abriegelte ( wir verdächtigten einen Bieber ).
Wieder endete der Tag an einem Lagerfeuer, das unsere nassen Klamotten trocknete.
Aber trotzdem :die Befahrung des Tuchodi, vor allem des unbekannten Oberlaufes,
den Fredl und ich wohl zum ersten mal befuhren, gehört gewiss zu den aufregendsten
Abenteuern meines bisherigen Lebens.
Wenn ich an die tosenden, kristallklaren Wasserschwälle zurückdenke,
den mein Freund und ich ganz passabel und furchtlos durchpaddelten, mich an die
unvergesslichen Abende am Lagerfeuer zurückerinnere, hustend und mit tränenden
Augen ...und die herrlichen, mehr oder weniger verkohlten Bannocks (Sauerteigweckerln)
fast noch vor mir sehe und sie buchstäblich rieche... dann kommt in
mir eine fast unbändige Sehnsucht hoch und nichts wünsche ich mir mehr
zurück als diese unvergesslichen Tage im Sommer 1995...so lange her....
und doch so nah! Nichts ist unvergänglicher als die Erinnerung, ein Schatz
auf Lebenszeit.
Das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann ( Antoine de Saint
Exupery ). Und noch heute, wenn ich mit geschlossenen Augen am Ufer eines Baches
liege, ob an der Enns im Gesäuse oder an der heimatlichen Lafnitz, kommen
Bilder in mir hoch die mich wieder zurückbringen zu diesem wilden, unbekannten
Gewässer in den Bergen Kanadas, das die Indianer als „Tuchodi „ bezeichneten,
den blauen Fluß. .....................
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